Corona Newsletter

Corona trotzen 3

Liebe Straßbergerinnen und Straßberger, und Freunde von außerhalb (solche haben sich nämlich inzwischen auch dazu gesellt)!

Bei der geplanten und wegen Corona abgesagten Fahrt ins Heilige Land hätten wir am heutigen Donnerstag sicherlich den zentralen und wichtigsten und wahrscheinlich auch emotionalsten Gottesdienst unseres gemeinsamen Pilgerns gefeiert, nämlich in der Grabeskirche von Jerusalem. Griechisch heißt diese Kirche  „Anastasis“, „Auferstehung“. Und mit den beiden so gegensätzlichen Namen „Grabeskirche“ einerseits und „Auferstehungskirche“ andererseits für das gleiche Gebäude ist zugleich die dramatische Spannung jenes Geschehens in Jerusalem ausgedrückt, auf dessen liturgisches Gedächtnis wir während der sechs Wochen Fastenzeit zugehen. Gleich, was sich um uns herum so tut, oder nicht tut, oder nicht tun kann.

Ich will heute aber weder auf den Corona-Virus noch auf Passion und Auferstehung Jesu eingehen, sondern das Wort, das Symbol, den Mythos „Jerusalem“ aufgreifen. Für was alles steht doch diese Stadt, für was alles heute, für was alles in langer Vergangenheit, für was alles in endgültiger Zukunft! Bei der jüdischen, aus der Bukowina stammenden Dichterin Rose Ausländer habe ich ein Gedicht gefunden, das diese Spannweite wunderbar ins Wort fasst:

Jerusalem

Wenn ich den blauweißen Schal
nach Osten hänge
schwingt Jerusalem herüber zu mir
mit Tempel und Hohelied

Ich bin fünftausend Jahre jung

Mein Schal
ist meine Schaukel

Wenn ich die Augen nach Osten
schließe
schwingt Jerusalem auf dem Hügel
fünftausend Jahre jung
herüber zu mir
im Orangenaroma

Altersgenossen
wir haben ein Spiel
in der Luft

Gerade in diesen Wochen, wo wir manchmal brutal auf uns selbst zurückgeworfen sind, tut die Haltung von Rose Ausländer gut: die Erinnerung an das uralte Jerusalem macht sie „fünftausend Jahre jung“. Meine Anregung: heute mal darüber nachzudenken, was zu Ihnen „herüber schwingt“ aus früheren Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten. Was macht Sie jung? Mit wem sind Sie „Altersgenossen“. Ein tolles Bild. Anders gefragt. Wer bis weit zurück hat Sie geprägt, so dass sie so sind, wie Sie sind? Mit welchen Menschen, mit welchen Ereignissen, auch: mit welchen Orten, mit welchen Zeiten haben Sie „ein Spiel in der Luft“?

Vom heiligen Augustinus stammt der Satz: „Der Gottgeliebte wird niemals älter. – Er trägt den in sich, der jünger ist als alle.“

Solche Jugend wünsche ich Ihnen. Gott segne Sie,
und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

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