Corona Newsletter

Corona trotzen 8

Liebe Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Zunächst für die Straßberger: Über Frau Ilse Gabriel hat uns die traurige Nachricht erreicht, dass genau am Festtag des heiligen Benedikt, ihres Ordensgründers, unsere verehrte Sr. Fromunda OSB gestorben ist. 97 Jahre alt geworden, einige Jahre bettlägerig, ist sie friedlich und still eingeschlafen und wurde in Peramiho am 24. März unter großer Anteilnahme vor allem der Frauen beerdigt. Die Oberin, Sr. Elisabeth Kerb schreibt: „Ihnen allen ein Danke im Namen unserer lieben Verstorbenen, die nun, von ihren Leiden befreit, im Himmel sicher gut angekommen ist und aufgenommen wurde.“

In diesem und in den Newslettern der kommenden Tage will ich Sie und Euch einladen, jener Erfahrung nachzusinnen, die wahrscheinlich jeden von uns auf die eine oder andere Weise trifft, nämlich die Erfahrung von Einsamkeit. Denn Kontakte zu verhindern, ist ja das Gebot der Stunde. Und damit erzwungene Einsamkeit, auch wenn man sie zu zweit (oder mit Kindern) erlebt. Es bleibt Aus- und Eingrenzung.

  1. „Welt ist, was sich wegzieht“

„Mach nicht den Fehler und leb zu lang. Oder du müsstest ertragen, dass die Welt, die du liebst, mein Kind, sich von dir abdreht, wegrutscht, eingeht wie zu heiß gewaschene Wolle… Welt ist, was sich wegzieht. Welt ist, was schon von allem Anfang an abkommt und fremder wird. Welt weggezogen, verschleppt, irgendwohin versteckt, nicht mehr findbar.“ So beginnen die „Byzantinischen Aufzeichnungen Erhart Kästners aus dem Jahr 1976 mit dem Titel „Aufstand der Dinge“, eines meiner Lieblingsbücher.

Früher habe ich diesen Satz mit dem Blick auf mein Alter gelesen. Aber dass uns  Welt als das vorkommt, „was sich wegzieht“ und „fremder wird“,  wird jetzt mit diesem so seltsamen Virus immer deutlicher. Die Wirklichkeit verliert ihre freundliche Seite; irgendwie erlebe ich mich als ausgesetzt. In diesen Monaten zumindest ist das, was jedem in die Kindheit scheint – nach Ernst Bloch -, und worin noch niemand war, nämlich Heimat, nicht aufzufinden in der sich versteckenden Welt. Wir sind also doch nicht die Chefs unseres Lebens, unserer Welt. Mit anderen Worten, Corona lehrt wieder mal, dass immer wieder wesentliche Bereiche sichtbar werden, die für uns – entweder vorübergehend oder grundsätzlich – nicht verfügbar sind. Über diesen Gedanken der „Unverfügbarkeit werde ich in einem späteren Newsletter nochmals zurückkommen.

  1. „Leben heißt sich trennen“

Der mexikanische Dichter und Träger des Literaturnobelpreises Octavio Paz (1914 – 1989) schrieb einmal: „Leben heißt sich trennen von dem, was wir waren, um uns in das zu verwandeln, was wir in einer unbekannten Zukunft einmal sein werden, und die Einsamkeit ist der tiefste Grund der Conditio humana.“  Nicht umsonst heißt eines seiner wichtigsten Bücher: „Das Labyrinth der Einsamkeit“, herausgekommen 1950.

Normalerweise verstehen wir die Aufforderung, auf Neues zuzugehen, nicht am Alten, Hergebrachten zu hängen, ja sehr positiv. Die Dynamik des Lebens eben. Aber Trennung ist auch schmerzhaft. Und so gehört zumindest Wehmut zur „conditio humana“, zur grundsätzlichen Situation unseres Daseins in der Welt.

  1. „Zwei Einsamkeiten begegnen einander“

Der aus Wien stammende jüdische Psychologe, Philosoph und Schriftsteller Manès Sperber (1905 – 1984) schreibt einmal: „Das Buch wird erst lebendig, wenn der Leser ihm die eigene Stimme leiht… In der Intimität, die zwischen dem Leser und seinem Buch entsteht, begegnen – mitten in einer aggressiv lärmenden Welt – zwei Einsamkeiten einander.“

Heute muss es wohl heißen: „mitten in einer beängstigend ruhig gestellten Welt“. Aber vielleicht passiert jene „Intimität“, von der Manès Sperber schreibt, ja auch zwischen dem, der gerade diesen Text liest und mir, genauso wie zwischen zweien, die lang miteinander telefonieren (es wird anscheinend so intensiv telefoniert wie lange nicht mehr), überhaupt häufig und dann, wenn die möglichen und noch erlaubten Kontakte von Mensch zu Mensch gepflegt werden. Dankbarkeit für jeden Impuls aus der Einsamkeit anderer heraus!

Was in der jüdischen Denktradition des 20. Jahrhunderts, eben bei Manès Sperber oder bei Martin Buber oder beim Litauer Emanuel Levinas, deutlich wurde, dass ich nämlich erst mit der Begegnung am Anderen zu dem werde, der ich bin und sein soll, gilt genauso in die Einsamkeiten dieser Wochen hinein.

„Welt ist, was sich wegzieht“; „Leben heißt trennen“; „Zwei Einsamkeiten begegnen einander“ – wie wäre es, wenn Sie sich heute etwas Zeit nehmen, um diesen drei Sätzen nachzusinnen? Ein Impuls aus meiner Einsamkeit in die Ihre, in Eure.

Gott segne Sie,
und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

N.B.

  1. Ein Fernsehtipp: Holen Sie sich unbedingt das Video „Coronavirus: Der Große Schlaf“ (Dauer 13 Minuten) aus der Mediathek von Arte.
  2. Mein Hinweis gestern auf den Blog mit den früheren Newslettern und der Möglichkeit von Rückmeldungen hat für etwas Verwirrung gesorgt, weil da meine digitale Unbedarftheit wieder mal durchgeschlagen hatte. Also am besten, wenn Sie reingehen wollen, direkt beim Adresssuchfeld von Google eingeben: www.schuller-florian.de/corona

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