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Corona trotzen 19

Liebe Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

In der Liturgie der Karwoche gehört der Karsamstag dem Tod: Jesus im Grab. Theologisch geht es um jene Glaubensaussage, mit der sich wahrscheinlich viele sehr schwer tun, bzw. die für unser Glaubensverständnis leider nur wenig Kraft entfaltet. Es ist der Satz aus dem Credo, der bekennt: Jesus ist „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Der Glaubenssatz hat eine doppelte Bedeutung:

Erstens, wie wir alle ist auch Jesus, der – biblisch formuliert – menschgewordene Sohn Gottes, wirklich gestorben. Das wurde in den frühen Jahrhunderten der Kirche gegen all jene formuliert, die meinten, Jesus Christus als Gottmensch habe nur scheinbar gelitten und sei gar nicht richtig gestorben. In der Kirche war immer klar: ohne dass Jesus echter Mensch in allem gewesen ist, hätte er uns auch nicht das Heil schenken können.

Und zweitens, dieser Tod, also dieser „Hinabstieg zu den Toten“ bringt sogar denen die Erlösung, die zwar gerecht waren, aber nicht an Jesus Christus geglaubt haben (und deshalb – in Bildern von Raum und Zeit ausgedrückt – auf ihn „warten“). Deshalb wird dieser Hinabstieg malerisch häufig so gestaltet, dass die Tore des Totenreiches gesprengt werden, dessen Schlüssel sogar durch die Luft fliegen und Jesus die Repräsentanten der toten Menschheit, Adam und Eva, an der Hand nimmt und mit sich nach oben zieht. Ein wunderbares Symbol der Hoffnung für alle. In der orthodoxen Kirche ist genau diese Darstellung das eigentliche Osterbild, und nicht wie bei uns in der westlichen Tradition der auferstehende Christus über dem Grab, unter sich die schlafenden Wächter und in der Hand die weiß-rote Siegesfahne. Ich zeige einfach zur Illustration eine alte Ikone aus Konstantinopel, auf der die Schlüssel unter den Füßen Jesu nur so herumwirbeln:

Einer der interessanten und tiefgründigsten (und leider mit am wenigsten reflektierten)Glaubenssätze, die sich in der christlichen Tradition finden lassen zum Thema Tod und Vollendung des Lebens.

Womit ich wieder bei Erich Schickling bin. Ein Landsmann des im böhmischen Pickau geborenen Erich Schickling soll uns heute zum Maler führen. Allerdings ist der schon seit mehr 600 Jahren tot: der böhmische Dichter Johannes von Tepl. Dessen einziges Werk ist das Buch „Der Ackermann aus Böhmen“. Darin geht es um ein Streitgespräch zwischen dem „Ackermann“, dessen Ehefrau eben starb, und  dem Tod – die uralte Frage nach dem „Warum?“. Schon im biblischen Buch Hiob wird sie leidenschaftlich gestellt. Aber „ Der Ackermann aus Böhmen“ ist das erste Werk der europäischen christlich geprägten Literatur im ausgehenden Mittelalter und im Humanismus der beginnenden Renaissance, der nüchtern und deutlich auch vor Gott und von Gott Rechenschaft fordert. Und Gott akzeptiert die Klage und Anklage, gleichzeitig aber stellt er – wie auch am Ende des Hiob-Buches – fest: „Jeder mensche dem Tode das leben, den leib der erden, die sele Uns pflichtig ist zu geben!“

Und Erich Schickling hat sich nun einmal seinen böhmischen Kollegen Johannes von Trepl und dessen Buch vorgenommen. Aus dieser Beschäftigung ist das nachstehende Bild entstanden, das mein Karsamstagsbild geworden ist: „Der Ackermann von Böhmen“.

Diesmal kein Rot, das meistens sehr dominant von Schickling verwendet wird. Nur an ein paar ganz schmalen Stellen schimmmert es durch. Es scheint so, als sei noch zum Schluss des Malens dazu gekommen. Die Hauptfarbe ist grün. Die Farbe des Bodens (für einen „Ackermann“  typisch), und gleichzeitig die Farbe der Hoffnung. Aber inmitten dieses Grün ein einziger Wirbel, in dem der Tod, der Bauer und sein Pferd mit dem Pflug untrennbar verwoben sind. Die Frage nach dem Warum des Todes kann nicht abgeklärt und ruhig am Schreibtisch oder im Sessel durchdiskutiert werden; sie trifft den ganzen Menschen und alles, was ist, setzt in Unruhe, nichts bleibt mehr am alten Platz. Ein Wirbel der Gefühle, der Emotionen, der Enttäuschungen, der gestorbenen Hoffnungen. Der Tod treibt im wahren Sinn des Wortes den Ackermann und mit ihm den Maler um, dreht beide durch die Mühle des Nichtverstehens. So nimmt Erich Schickling den böhmischen Frühhumanisten mit dessen kritischer Sicht sehr ernst. Nichts wird verharmlost.

Und zugleich wird der Glaube an den erlösenden „Hinabstieg Jesu ins Totenreich“ ernst genommen. Denn über dem Wirbel des „Warum?“, der durch kein selbstsicheres „Darum!“ gestoppt wird,

  • geht ein Stern auf,
  • leuchtet Licht
  • und zeigt sich ein Kreis, Symbol der Vollendung.

Und in der Mitte des Wirbels, in der Mitte des Disputs zwischen Ackermann und Tod, bei dem Johannes von Tepl die Liebe des Bauern zu seiner verstorbenen Ehefrau immer wieder formuliert, sieht man ein kleines Kind – ein Zeichen, das ganz Unterschiedliches bedeuten kann:

  • Ihr zwei, Deine Frau und Du, ihr habt doch in eurem Kind, in Euren Kindern Zukunft geschenkt.
  • Oder das Kind steht für eine innere Umkehr in mir selbst, eine Veränderung dessen, wie ich lebe, weil mir der Tod die radikalen Fragen stellt.
  • Oder wie auf Mosaiken und Bildern der Spätantike und des Mittelalters: das Kind ist die zum Ewigen Leben neugeborene Seele, die von den Engeln nach oben getragen wird.

Was es auch sei. Das Bild vom leidenschaftlichen Disput über den Tod und zugleich ein Bild mit Hoffnungszeichen passt gut zum Karsamstag – wenn ich mich in den Wirbel hineinbegeben.

Gott segne sie, und bis morgen am Ostersonntag,
Ihr
Florian Schuller

N.B. Wer dabei sein möchte: die Liveübertragung unseres Osternachtgottesdienstes beginnt heute am Karsamstag Abend, um 20.00 Uhr. Wie üblich – gehen Sie einfach auf www.schuller-florian.de/corona. Und am Ende gibt es auch über den Weg des Internets die Speisensegnung – für Ihr Osteressen zuhause.

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