Corona Newsletter

Corona trotzen 20

Liebe Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Heute am Ostersonntag zunächst ganz intensiv Ihnen und Euch allen beste Wünsche für ein gesegnetes Osterfest. Wir haben uns in diesen extravaganten Zeiten auf Ostern eingestimmt, vielleicht sogar miteinander geistig-geistlich verbunden Gottesdienst feiern können – und jetzt war sie da, die Nacht der Nächte, jetzt ist er da, der Tag der Tage. Lassen wir uns die Freude an ihm auch nicht nehmen durch die staatlicherseits zugelassene begrenzte Reichweite der klassischen Osterspaziergänge (heute noch bei schönem Wetter). Für Strecken wie den Emmausgang reicht es allemal.

Als Bild des Malers Erich Schickling habe ich mir jenes ausgesucht, das den Titel trägt: „Ostermorgen“. Ungeachtet des traditionellen Titels ist es absolut untraditionell; es gibt überhaupt kein ähnliches. In der Erich-Schickling-Stiftung in Eggisried bei Ottobeuren bildet es aber so etwas wie den geistig-spirituellen Mittelpunkt, weil sich auf ihm die verschiedenen Dimensionen des Denkens und Malens von Erich Schickling zusammenfinden.

Um wegen dieses komplexen Bildthemas aber unseren täglichen Newsletter nicht längenmäßig zu überfrachten, habe ich mir die Gedanken zu diesem Bild auf drei Etappen aufgeteilt: heute, morgen und übermorgen jeweils eine bestimmte Perspektive der Deutung. An Ihnen und Euch liegt es dann, diese drei Perspektiven (oder vielleicht noch weitere) mit den eigenen Augen, dem eigenen Kopf, dem eigenen Herzen so zu verbinden, dass ein Ganzes entsteht. Hier  das Bild, auf Hartfaserplatte gemalt, in der Größe von 2,70 m x 1,40 m:

Was ist da österlich?, so werden Sie zunächst fragen. Tasten wir uns langsam im Bild voran, heute, wie gesagt, mit einer ersten Perspektive, ich nenne sie: die mythologische. Dazu muss ich leider ein wenig ausholen. Schickling greift den guten alten Homer auf, den Dichter der Geschehnisse um Troja: in der „Ilias“ wird der Kampf der Griechen gegen die Trojaner geschildert, und in der „Odyssee“ die zehnjährige Irrfahrt mit vielen Abenteuer des Helden Odysseus, bis der zurückkommt in seine Heimat, die Insel Ithaka, und dort für Ordnung sorgt. Was Homer um 800 v.Chr. gedichtet und besungen hat, wurde die europäische Urerzählung schlechthin vom Menschen, dem Wanderer, dem auf der Welt Umherirrenden.

Auch Erich Schickling, wir hatten das bereits beim Theseusbild gesehen (in „Corona trotzen 16“ vom Karmittwoch) ist fasziniert von jenen antiken Mythen, den Geschichten der Menschen in den Extremsituationen von Leid oder Aufruhr, blinder Liebe und Hass, Allmachtsträumen und immer wieder Abstürzen ins Bodenlose, von Leben und Tod – eben all das, was uns Menschen ausmacht.

Jetzt sind wir bei unserem sehr speziellen Osterbild. Schickling greift darin die Geschichte von Polyphem auf, wie sie bei Homer in der „Odyssee“ steht. Vielleicht kennen Sie die ja. Odysseus ist inzwischen am Königshof der Phäaken gestrandet. Von dort wird er dann direkt in seine Heimat aufbrechen können. Aber vorher erzählt er lange die Abenteuer der vergangenen zehn Jahre, nachdem er mit seinen Gefährten auf Schiffen losgefahren war, von Troja zurück in die Heimat.  Und das erste Abenteuer ist eben jenes mit dem Kyklopen Polyphem.

Die Kyklopen, Riesen mit nur einem Auge mitten auf der Stirn, leben auf einer eigenen Insel. Sie sind gewalttätig, gesetzlos, verstehen nichts vom Ackerbau, kennen keine Bürgerversammlung, sind im wahrsten Sinn des Wortes Höhlenbewohner, stehen am untersten Ende einer Skala zivilisierten Verhaltens und stellen deshalb das perfekte Gegenbild dar zu einem von seiner Kultur überzeugten Griechen, wie Odysseus einer ist. Als nun Odysseus mit seinen Gefährten an dieser Insel landet, nimmt er einen Schlauch Wein mit, als Mitbringsel gleichsam, um sich für die erwartete Gastfreundschaft zu bedanken.

Aber der Kyklop Polyphem ist eben kein freundlicher Gastgeber, er sperrt Odysseus mit seinen zwölf Gefährten in die Höhle ein, in der er mit seinen Schafen lebt. Er frisst abends vier der Gefährten, treibt am nächsten Morgen seine Schafe auf die Weide, versperrt aber wieder seine Höhle mit einem riesigen Stein, den die Griechen nicht wegbewegen können. Abends kommt er zurück, holt sich zwei weitere Gefährten zum abendlichen Verspeisen. Aber Odysseus hat inzwischen ein Plan gefasst: er bietet Polyphem den Schlauch mit Wein an. Polyphem trinkt und ist begeistert; denn als unkultivierter Riese kennt er natürlich keinen Wein. Er fragt Odysseus nach dessen Namen. Und der antwortet ironisch und zugleich clever-vorausschauend „Ich heiße Niemand“.  Polyphem wird völlig betrunken. Jetzt können Odysseus und die anderen Überlebenden dem Hilflosen mit einem zugespitzten, glühenden Pfahl das einzige Auge ausstechen, wie hier in dieser hellenistischen Skulpturengruppe:

Polyphem schreit auf. Die anderen Kyklopen kommen vor seine Höhle und fragen, was los sei. Polyphem schreit „Niemand hat mich geblendet“. Daraufhin verschwinden seine Kollegen wieder und  raten ihm, wenn er Probleme habe, solle er sich halt an seinen Vater wenden, den Meergott Poseidon. Am nächsten Morgen gelingt es Odysseus und seinen Gefährten, aus der Höhle zu entkommen, indem sie sich am wolligen Bauch der Schafe festhalten, nachdem der binde Polyphem, um die Schafe ins Freie zu treiben den Stein weggerollt hat, aber umsonst die Rücken der Tiere nach seinen Feinden absucht. Wieder auf dem Schiff, verhöhnt Odysseus laut den geblendeten Polyphem und ruft ihm seinen wahren Namen zu. Woraufhin Polyphem Poseidon besxchwört, er müsse sich an Odysseus rächen. Was dazu führt, dass dieser anschließend zehn Jahre über das Meer irrt, alle seine Gefährten verliert und in der ganzen Zeit nicht nach Hause findet.

Soweit die Geschichte von Polyphem und Odysseus. Jetzt können Sie die wahrscheinlich leicht auf dem Bild Erich Schicklings entdecken.

In der Mitte Polyphem, das mächtige Dreieck: oben das eine geblendete Auge, unten die beiden Riesenbeine. Dazwischen der am Leib des Widders sich im Fell festkrallende Odysseus, der so hinaus ins Freie gelangt.

  • Die Höhle, Reich des Todes, der Vernichtung, auch der Un-Kultur;
  • Polyphem, der zerstörend Böse;
  • und Odysseus, der „Listenreiche“, wie ihn immer wieder Homer nennt, der Typus des Menschen, der mit seiner Vernunft und Schläue die Abenteuer des Lebens besteht.

Viel ist über diese Geschichte geschrieben worden. Historiker zum Beispiel vermuten, dass sich in ihr die Erfahrungen bei der sogenannten frühgriechischen Kolonisation in Kleinasien und Süditalien widerspiegeln. Auch Dichter haben sie aufgegriffen. Ein Gedicht mit dem Titel „Polyphem“ von Stefan Zweig, geschrieben 1917 im dritten Jahr des Ersten Weltkriegs, lautet:

„DREI Jahre schon leben wir

In deiner Höhle, / Höhle des Dunkels, des Grauens und böser Erwartung,

Polyphem, / Du ewig hungriger, menschenfressender Riese,

Dessen Auge / Starr, stählern und wimpernlos / Die selige Träne nicht kennt.

Tag für Tag / Greift deine harte haarige Hand / In unsere Reihen, Fühlt, betastet und wägt unsre scheuernden Glieder,

Reißt / Freunde von Freunden,

Bruder von Brüdern / Schlägt / Schädel und Hirne, gefüllt mit Liebe und warmen Gedanken,

Gegen die Felsen des Schicksals,

Körper und Stirnen, durchglüht von Samen und Süße des Lebens,

Und gierig schlürft / Dein breites, wulstiges tierisches Maul / Das heilige Fleisch / Göttlicher Menschen.

Wie Tiere gedrängt / Schauernd im Dunkel / Der blutigen Höhle / Sitzen wir nachts und / fragen uns an mit sklavischen Augen: / Wann du? Wann ich? Wann der letzte / Göttlicher Menschen / In den Wanst, / Den sich ewig weitenden, /Dieses aufgeblähten sinnlosen Tiers? / Unsere Wangen / Sind mürb.“

Kartage-Erfahrungen im dritten Jahr eines immer mehr als sinnlos erfahrenen gegenseitigen Mordens im Weltkrieg: „Wann der letzte / Göttlicher Menschen / In den Wanst, / Den sich ewig weitenden, /Dieses aufgeblähten sinnlosen Tiers?“

Aber auch ein Bild für Ostern? Odysseus für Christus, jener Odysseus, der nach Homer blendet, der lügt, der seinen erniedrigten Gegner verhöhnt, der auf der Phäakeninsel prahlend angibt mit seiner Abenteuererzählung? Da hat Erich Schickling Einiges gewagt (wie gesagt, als einziger bisher in der Kunstgeschichte). Aber wie bringt er nun die theologische, explizit christologische, also die österliche Dimension ins Bild? Davon morgen mehr.

Bis dahin – einen weiterhin gesegneten Ostersonntag,
Ihr
Florian Schuller

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