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Corona trotzen 21

Liebe Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Einen erfreulichen, aufbauenden Ostermontag Ihnen und Euch.

Kommen wir gleich wieder zurück zum Bild „Ostermorgen“, das uns schon gestern beschäftigte. Wir hatten einmal in der Katholischen Akademie Bayern ein spannendes Gespräch mit dem Kunstkenner Bischof Friedhelm Hofmann von Würzburg und dem Maler und Bildhauer Markus Lüpertz.  Weil in dessen Werk immer wieder mythologischen Gestalten der Antike auftauchen, hatte ich den Bischof gefragt, wie er die bleibende Faszination der Antike einschätze. Seine Antwort: „Es ist das Geheimnisvolle, das in diesen Gestalten aufleuchtet. Man wusste in der christlichen Tradition natürlich genau, das sind Götter als Fabelwesen, als Gestalten, die etwas von unserem eigenen Leben widerspiegeln. Man hat sie nicht vergöttlicht oder an die Stelle Gottes gerückt, sondern als eine Quelle des Intellektes, der Ästhetik, des Wissens genommen und später in der beginnenden Neuzeit wieder freigelegt und so einen Neugewinn geschaffen.“

Diese Haltung ist aber uralt: Schon die frühen Kirchenväter haben mit den bekannten Mythen ihrer Zeit die Wahrheit des christlichen Glaubens nicht begründet, sondern erläutert. Wohl gemerkt: die Götter der Griechen und Römer selbst waren unter der intellektuellen Würde der Kirchenväter. Die waren nicht satisfaktionsfähig, an die glaubte damals sowieso niemand mehr. Aber weil die Mythen eben klassische menschliche Urerfahrungen schilderten, konnten sie bebildern, was im christlichen Glauben als endgültige, göttliche Wahrheit Zeit durchgebrochen war. „Süßer Trost und eine Medizin für die Seele“ nennt der berühmte Kirchenvater Gregor von Nazianz die Texte des Homer.

Auch Odysseus konnte deshalb positiv geschildert werden, nicht mehr als der „Verschlagene“, sondern als der „Weise“, besonders bei jener Szene aus der Odyssee(oben die Darstellung auf einer antiken Vase), als es gilt, unbeschadet bei den sogenannten „Sirenen“ vorbei zu segeln, die mit ihrem betörenden Gesang alle Schiffe ins Unglück stürzen. Odysseus, so Homer, verschließt mit Wachs seinen Leuten die Ohren und lässt sich selber, ohne Wachs in den Ohren, an den Mastbaum binden. Dieses Bild, der an den Mastbaum (mit dem quer stehenden Segelbalken) gebundene Odysseus wurde immer wieder als Vor-Typus des an das Kreuz gebundenen Christus verstanden.

Es dürfte aber kaum eine alte Stelle geben, in der die Polyphemgeschichte positiv christlich gedeutet wurde. Da ist Erich Schickling, wie gesagt, Pionier. Schauen wir uns das Bild nochmals genau an:

Man muss nicht jede der Einzelheiten zu identifizieren versuchen, aber klar ist: die Bewegung des Bildes geht von rechts nach links. Dort, rechts das feurige Rot und das dunkle, wie Stürme oder Wellen drohende Blau. Oben der uns bereits bekannte Hahn, Symboltier des Verrats. Darunter der grüne Kopf auf dem nach rechts stürzenden Pfeiler gebrochener Macht – ist es wieder Pilatus? Der rote Kopf – steht er für den Verräter Judas, der sich als das politische Pendant zu Jesus verstand? Die Frau oben – könnte es die mitleidende Maria Magdalena sein, jene, aus der sieben böse Geister von Jesus vertrieben wurden, die neben ihr noch ihr aggressives Durcheinander spielen?

Wenn wir so anfangen, das Bild auf uns wirken zu lassen, überlappen sich immer mehr die Erzählung Homers und die Botschaft der Bibel. Dann verzahnt sich im Mittelteil Odysseus immer mehr mit Christus: Der da hinausgetragen wird, mit beiden Füßen voran. Wir wissen, worauf dieser Ausdruck anspielt, „mit den Beinen voran“, in der Kiste. Odysseus/Christus hat zwar die Augen geöffnet und blickt ängstlich nach oben. Aber es geht vorbei am menschenverschlingenden, tötenden Urwesen, das hier zufällig den Namen  Polyphem trägt. Klar wird: das „Triduum Paschale“, die „Heiligen Drei Tage“ sind das Strukturprinzip des Bildes. Rechts der Karfreitag mit Chaos, Leid, Passion. Hier in der Mitte der Tod, Karsamstag. Aber die Beine voraus weisen schon auf den Ausgang aus der Höhle hin; dort im linken Feld leuchtet Licht, dort ist der Morgen, der Ostermorgen.

Vielleicht fragt sich der Eine oder die Andere: warum so kompliziert? Reicht es nicht, „nur“ das Geschehen der Heiligen Drei Tage unmittelbar, direkt zu zeigen (wie es übrigens auch Erich Schickling auf seinen Kreuzwegstationen und anderen Bildern immer wieder getan hat)?

Zwei Antworten auf diese berechtigte Frage scheinen mir sinnvoll: Erstens, gerade in der bildlichen Verschränkung der beiden Ebenen von antikem Mythos als Verdichtung urmenschlicher Erfahrungen und dem einmaligen Christusgeschehen kann deutlich werden: das Geschehen von Passion und Auferstehung ist trotz seiner Einmaligkeit nicht exklusiv,  nicht ausschließlich von, für, mit Jesus Christus. Sondern damit sind wir alle betroffen, mit unseren Leid- und Todes- und Hoffnungserfahrungen, unser Leben ist also Teil der „Heiligen Drei Tage“.  Der Ostermorgen geht uns alle an.

Ein zweiter Gedanke. Erich Schickling liebte Friedrich Hölderlin. Heuer haben wir sogar ein Hölderlin-Gedächtnisjahr: 1770, also vor genau 250 Jahren wurde der Dichter geboren. Aufgewachsen in pietistisch-tief bibelgläubigem Umfeld, von der Mutter als Pfarrer vorgesehen, im Tübinger Stift revolutionär-philosophisch geprägt, als dort auch Hegel und Schelling studierten, erlebt er seine Lebenszeit als radikale Gottesnacht. Er fühlt sich einsam und trauert den verschwundenen heidnischen Göttern nach. Im großen Gedichtzyklus „Brod und Wein“ wird genau dieser Entzug der Götter beklagt, der das Leben der Menschen so eng, banal und grausam macht. Und Christus? Er ist in „Brod und Wein“ nicht der Anfang einer neuen Epoche; er gehört allerdings vor der Nacht, die hereingebrochen ist, noch als letzter zum Tag der griechischen Götter: „oder er kam auch selbst und nahm des Menschen Gestalt an / Und vollendet und schloß tröstend das himmlische Fest“.

Manchmal denke ich mir, ob diese Klage Hölderlins über die Gottesnacht, die Götternacht, die uns vielleicht sehr seltsam anmutet, nicht doch auch etwas über unsere Zeitepoche aussagt. Auch wenn sich wahrscheinlich viele von uns schwer tun mit diesen hölderlinschen Gedanken und Versen. Zumindest die Veröffentlichungen im Jubiläumsjahr 2020 zeugen meiner Meinung nach davon. Aber manchmal kann ja gerade Unerwartetes, Seltsames anregend sein.

Auf jeden Fall hat sich Erich Schickling darauf eingelassen, wie Hölderlin und wie auf ihre Weise die alten Kirchenväter antike Mythen in dem Sinne ernst zu nehmen, dass sie das Christusgeschehen faszinierend in seiner Tiefe neu deuten können. Wobei er immer die alte Regel der Kirchenväter beherzigt, nun nicht plötzliche irgendwelche Götterhimmel zu malen, mit Zeus und Apollo usw.

Aber Schickling ist genau überraschend topaktuell. Darüber werden wir morgen am Osterdienstag ein wenig nachsinnieren.

Gott segne Sie, und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

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