Corona Newsletter

Corona trotzen 34

Liebe Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Nachdem uns durch die vergangene Woche Max Frisch begleitet hatte, will ich Sie und Euch für die kommenden Tage fast zwei Jahrtausende zurückführen und als unsere Weggefährten einige Vertreter  der sogenannten „Stoa“ aufrufen – jener philosophischen Richtung, die gerade heutzutage ein höchst interessantes Revival erfährt (davon mehr im Lauf der Woche). Anfangen soll Lucius Annaeus Seneca.

Geboren in Spanien um die Zeitenwende, war er später der Erzieher Neros (ein Beispiel, auf welch verlorenem Posten manchmal Erzieherinnen und Erzieher stehen), wurde durch den Kaiser unermesslich reich, aber von diesem im Jahr 65 n.Chr. zum Selbstmord gezwungen. Seine ethisch-philosophischen Positionen waren so stark mit denen der frühen Christen kompatibel, dass man ihm sogar einen fast freundschaftlichen Briefwechsel mit Paulus angedichtet hat, nicht zuletzt angeregt durch die Tatsache, dass Gallio, ein Bruder Senecas, Prokonsul in Korinth war und den heiligen Paulus, als er dort von Juden verklagt wurde, sehr anständig behandelte. Topaktuell für unsere Corona-Tage, in denen wir ohne Friseurbesuch auskommen müssen, und manche(wie ich)  an ihren widerspenstigen (wenigen) Haaren verzweifeln, ist zum Beispiel jener Text über den Besuch beim „Haarschneider“ in den Thermen Roms:

„Meinst du, jene leben in Muße, die viele Stunden beim Haarschneider verbringen, in denen ausgezupft wird, was etwa in der letzten Nacht nachgewachsen ist – Stunden, in denen man über jedes einzelne Haar zu Rate geht und zerzaustes Haar wieder in Ordnung bringt, oder wenn es gelichtet ist, von hier und dort in die Stirn zusammenkämmt? Wie zornig sie werden, wenn der Haarschneider ein wenig zu nachlässig war! Wie sie in Weißglut geraten, wenn von ihrer Mähne etwas abgeschnitten ist, wenn etwas unordentlich lag, wenn nicht alles in die richtigen Locken gefallen ist! Wer von diesen Leuten möchte nicht lieber den Staat durcheinander geraten lassen als seine Frisur? Wer wäre nicht um den Schmuck seines Hauptes in größerer Sorge als um seine Gesundheit? Wer möchte nicht eher adrett zurecht gemacht sein als ehrenwert?“ (Die Kürze des Lebens 12, 3).

Ja, manche Sorgen bleiben über die Jahrtausende gleich… Aber nicht diesen Text möchte ich euch zum sonntäglichen Nachdenken weitergeben, sondern ein paar andere Sätze aus der kleinen Schrift „Die Kürze des Lebens“/„De brevitate vitae“. Seneca hat sie in Rom um die Jahre 48/49 n.Chr. verfasst – zu jener Zeit, als Paulus in Kleinasien und Mazedonien missionierte. Theoretisch hätten sich die beiden also durchaus mal treffen können. Es ist einer der bekanntesten und präzisesten Texte von Seneca und begleitet mich schon lange:

„Wir haben nicht wenig Zeit – wir haben viel Zeit vertan. Das Leben ist lang genug und reicht aus zur Vollendung größter Taten, wenn es als ganzes gut angelegt würde. Ja, es ist nicht so, dass wir ein kurzes Leben bekommen, sondern wir haben es kurz gemacht; und wir sind damit nicht mangelhaft ausgestattet, sondern wir gehen nur verschwenderisch damit um.  Wie ein gewaltiges, königliches Vermögen, wenn es an einen schlechten Herrn geraten ist, im Nu verschleudert wird, ein noch so bescheidenes jedoch durch Nutzung wächst, wenn es einem übergeben worden ist, der es gut behütet, so bietet unser Leben dem, der es gut einteilt, weiten Spielraum. Was klagen wir über die Natur? Sie hat sich freigebig gezeigt: das Leben ist lang, wenn man es zu gebrauchen versteht. 

Ihr lebt, als ob ihr immer leben würdet, nie kommt euch eure Vergänglichkeit in den Sinn; ihr bemerkt nicht, wieviel Zeit schon vergangen ist. Wie wenn ihr sie in Hülle und Fülle hättet, verschwendet ihr sie. 

Wie spät ist es, erst dann mit dem Leben zu beginnen, wenn man es beenden muss! 

Leben muss man ein Leben lang lernen, und – darüber wirst du dich vielleicht noch mehr wundern – ein Leben lang muss man sterben lernen.

In drei Zeiträume gliedert sich das Leben: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sehr kurz ist die Gegenwart, so kurz, dass sie manchem gar nicht vorhanden zu sein scheint; denn immer ist sie im Lauf, fließt und stürzt dahin. Die Zeit, in der wir leben werden, ist zweifelhaft. Die Zeit, in der wir gelebt haben ist, sicher. Der ist der geheiligte und geweihte Teil unserer Zeit. Nur einzelne Tage sind gegenwärtig, und die nur für Augenblicke; doch alle Tage der Vergangenheit werden vor euch hintreten, wenn ihr es verlangt. 

Das ganze Leben ist sozusagen eine Anlage, die sich voll verzinst. Deswegen wird der Weise, wann immer der letzte Tag gekommen ist, ohne Zögern mit festem Schritt in den Tod gehen.“ (De brevitate vitae 1, 1; 3,4-5; 7, 4; 10, 2 – 11, 2)

Was ist Ihre, Eure, Deine Position dazu?

Gott segne Sie, und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code