Corona Newsletter

Corona trotzen II, 03

Liebe Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Die meisten von Ihnen, von Euch waren in den vergangenen Tagen wohl auf einem Friedhof – um ein Grab zu pflegen, um eine Kerze anzuzünden oder einfach, um sich dort an liebe Menschen zu erinnern. Deshalb heute ein Text von Elias Canetti (aus: „Masse und Macht“ von 1960), verbunden mit einem Bild des Jüdischen Friedhofs in Ferrara.

Das ist das erste einer Reihe von Zitaten, die ich einschließlich des jeweiligen Bildes dem Journalisten Carl Wilhelm Macke verdanke, und von denen ich in den kommenden Wochen immer wieder mal das eine oder andere aufgreifen werde. Vielen Dank an Herrn Macke, der in München und in Ferrara lebt, für diese Möglichkeit. Ich kenne und schätze ihn seit vielen Jahren. Er arbeitet u.a. unwahrscheinlich intensiv für seinen Verein JhJ (Journalisten helfen Journalisten), der sich weltweit um Journalistenkollegen kümmert, die politisch oder gesellschaftlich wegen ihrer Einsatzes großen Schwierigkeiten ausgesetzt sind – leider sind das immer mehr…

„Friedhöfe haben eine starke Anziehung: man sucht sie auf, auch wenn man keine Angehörige dort liegen hat. In fremden Städten pilgert man zu ihnen hin, man lässt sich Zeit für sie; man ergeht sich darin, als wären sie für einen angelegt worden… Man gerät auf dem Friedhof sehr bald in eine Stimmung ganz eigener Art.
Der Ernst, den man fühlt und den man noch mehr zur Schau trägt, verdeckt eine geheime Genugtuung…Das Unbestimmte des eigenen, noch zu erwartenden Lebens ist ein großer Vorteil, den er vor den Toten hat und mit einiger Kraftanstrengung könnte er sie sogar übertreffen. Es ist sehr aussichtsreich, sich mit ihnen zu messen, wenn einen Vorteil hat er schon jetzt vor ihnen: ihr Ziel ist erreicht, sie leben nicht mehr…
Aber dies ist nicht die einzige Art der Rechnung, auf die man unter einer solchen Fülle von Gräbern verfällt. Man beginnt darauf zu achten, wie lange manche Menschen schon hier liegen. Die Zeit, die einen von ihrem Tode trennt, hat etwas Beruhigendes: um so viel länger ist man schon auf der Welt.“

Gott segne Sie, und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

N.B.
Ich hänge Ihnen noch einen Abschnitt jenes Emails von Carl Wilhelm Macke an, mit dem er mir die Weiterverwendung seiner Impulse gestattet hatte; denn Herr Macke zitiert da zwei Sätze, die genau in unsere Tage passen, die so böse geprägt sind von den Ereignissen in Paris, Nizza oder Wien:

„Ein Bekenntnis geht mir in diesen Tagen nicht aus dem Kopf: ´Ich wehre mich dagegen, dass das Grauen die ganze Weite meines Himmels infiziert.´ (Philippe Jaccottet) …In unserem Basislager (www.journalistenhelfen.org<http://www.journalistenhelfen.org>) erhalte ich Tag für Tag (und immer mehr) Anfragen von Journalistinnen/Journalisten/Photographen aus aller Welt (aus Deutschland weniger), die von den gesundheitlichen, mehr noch politischen Folgen von ‚Corona‘ betroffen sind. Auch da hilft mir das Jaccottet-Zitat sehr, geistig, moralisch, körperlich ‚über die Runden‘ zu kommen… Man könnte passend zu den derzeitigen Zeitläuften auch eine wunderbare Einsicht von Johann Balthasar Mayrhofer (1787-1836) zitieren, an die auch Alexander Kluge immer wieder erinnert: ´Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht´.“

Ein Kommentar

  1. Wie recht Sie haben mit Ihren beiden Zitaten, die mich aber auch ermuntern.
    Mit viel Vergnügen habe ich das Kandinsky-Bild auf Ihre Beschreibung hin schon sehr genau betrachtet.
    Vielen Dank und auch Ihnen Gottes Segen.

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