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Corona trotzen II, 16

Sehr verehrte Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Unsere Straßberger Kirche kommt, wie alle Kirchen, dann zu ihrer wichtigsten Bedeutung, wenn wir in ihr Gottesdienst feiern – die „Eucharistie“, wie es offiziell heißt (wörtlich: „Danksagung“), die „Heilige Messe“, wie wir in katholischer Tradition zu sagen pflegen. Worum es bei „Eucharistie“ geht, dazu kann man nun in unserer Kirche etliche bildliche Anregungen finden. Deshalb heute:

Eucharistie, Teil 1.

Dafür müssen wir zunächst nochmals zum rechten Seitenaltar gehen, zu jener Heiligenreihe, in der wie bereits Margareta Maria Alacoque entdeckt hatten.

Links eine andere Nonne. Es ist Juliane von Lüttich (1193 bis 1258). Sie hatte ein ziemlich bewegtes Leben; aber das, was von ihr geblieben ist, war ihre spezielle Form der Frömmigkeit. Ihr als großer Vertreterin der mittelalterlichen Frauenmystik drückte sich der Glaube in Visionen aus. Und eine dieser Visionen zeigt unser Bild:

Sie sah den Mond, dem ein kleines Stück fehlte. Und was fehlte, war ein spezielles Fest, bei dem die Christen im Besonderen die Eucharistie verehren sollten. Als ersten überzeugte sie von dieser neuen Idee ihren Beichtvater aus dem Kloster und hatte das große Glück, dass der einige Jahrzehnte Papst wurde: Urban IV. Und so gibt es eben seit 1264 das Fest Fronleichnam.

Was aber steckt hinter dieser Geschichte? Um es kurz und plakativ zu sagen: da stecken wir Germanen dahinter. Für Christen des ersten Jahrtausends, die alle noch irgendwie ihren heidnischen Philosophen Platon aus der Antike im Hinterkopf hatten, war ganz klar: das Wesentliche ist die geistige, die nicht materielle, die unsichtbare Wirklichkeit. Und wenn es dann bei den Wandlungsworten hieß „Das ist mein Leib“, musste nicht viel gerätselt werden, es ging um den beim Vater im Himmel verherrlichten Jesus Christus, den die Gläubigen als Auferstandenen in ihrer Mitte wussten. Nun prägten aber seit einigen Jahrhunderten immer mehr unserer germanischen Vorfahren das Leben der Kirche. Und ein alter Germane hatte von Platon keinen Dunst, ihm war das Konkrete, Greifbare, Materielle wichtig. Deshalb fragte der auch, was früheren christlichen Generationen nie in den Sinn gekommen wäre: „Wenn das Leib Christi ist, dann muss doch da auch Blut drinnen sein.“ Und schon wurde leidenschaftlich über Eucharistie gestritten. Und es geschahen die ersten sogenannten Blutwunder. Dafür müssen wir uns jetzt aber nach Rom begeben, in den Vatikan, und zwar in jene Räume, die Raffael auf Befehl von Papst Julius II in den 1510er Jahren ausmalte, genauer: in die „Stanza di Eliodoro“.

Oh, was gäbe es da alles zu erzählen; wie gern wäre ich mit Ihnen, mit Euch vor Ort. Aber nur so viel: an die vier Wände sind vier Ereignisse gemalt, bei denen die starke Hand Gottes schützend über den Päpsten mehr als überdeutlich spürbar war. Auf unserem Foto rechts die entsprechende Urszene schlechthin, nämlich die nächtliche Befreiung von Petrus durch einen Engel aus dem Gefängnis des Herodes (Apg 12, 5-12). Links davon Papst Leo I. (mit dem Gesicht von Papst Leo X., der dem inzwischen verstorbenen Papst Julius nachgefolgt war), der dem Hunnenkönig Attila entgegenreitet, um ihn von der Zerstörung Roms abzuhalten. Und genau gegenüber der Befreiung des Befreiung des Petru, sieht man dann jenes Fresko, um das es uns geht:

Dargestellt ist hier eben eines jener sogenannten „Blutwunder“, die im Hohen Mittelalter immer wieder vermeldet wurden, um die Wahrheit des christlichen Glaubens an die Gegenwart Jesu Christi deutlich zu kommunizieren: einem deutschen Priester (wie hätte es anders als ein deutscher sein können…) war der Glaube an die Verwandlung des Brotes in den Leib Christi wankend geworden, und deshalb war dieser zu einer Bittwallfahrt nach Rom aufgebrochen. Im umbrischen Bolsena, am uralten Pilgerweg nach Rom gelegen, geschah es ihm dann 1263, dass bei den Wandlungsworten Blut aus der Hostie floss. Eigens für das Korporale – das Tuch, auf dem der Kelch steht – mit seinen roten Blutflecken wurde später der Dom von Orvieto gebaut.

Und auf dem Fresko Raffaels wird die „Messe von Bolsena“ zur Bestätigung des katholischen Glaubens nun in den 1510er Jahren angesichts von Papst Julius II. gefeiert, dem Verteidiger des wahren Glaubens an die Eucharistie (und überhaupt). Aber vielleicht fragen Sie sich schon seit längerem: was hat das denn alles mit unserer Straßberger Kirche zu tun? Es hat mit folgendem Bild zu tun:

Erkennen Sie den Bildausschnitt? Diese großformatige Fotoarbeit hängt bei uns in der Franziskuskapelle. Falls Sie die noch nie gesehen haben sollten, gehen Sie doch einfach nach einem Gottesdienst dorthin. Es lohnt sich! Die Arbeit stammt vom Münchner Künstler Christoph Brech. Ihm gelang das Foto während Renovierungsarbeiten Fresken vor  einigen Jahren. Gerüste waren aufgebaut, damit die Restauratoren gut arbeiten konnten. Und genau aus einem solchen Blickwinkel wurde das Bild aufgenommen. Ich finde es unter mehreren Gesichtspunkten ganz wunderbar:

Erstens, ästhetisch und künstlerisch ist diese Kombination von Fresko und Gerüst hoch attraktiv. Alle Figuren sind in diesen „Bild-Käfig“ zweier ganz unterschiedlicher Zeitepochen eingespannt. Unten die Schweizer Gardisten (der rechte, von dem man nur eine Auge sieht, ist übrigens Raffael mit einem Selbstbildnis. Und darüber die Entourage des Papstes mit Kardinälen, die alle seine Verwandten sind, hinter dem Papst, der kniend das Wunder anbetet.

Damit aber zeigt zweitens dieses Bild theologisch perfekt, was „Eucharistie“ ist: man sieht nicht das Gesicht des Papstes, es geht bei der Eucharistie und auch dem Wunder von Bolsena, das ins 16. Jahrhundert hineingebeamt wird, gar nicht um ihn. Es geht um das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens, das Wandlung von Brot und Wein. Beide sieht man ebenfalls nicht. Man glaubt die Wandlung. Bei diesem Bild Christoph Brechs denke ich immer an jene Verse, die der heilige Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert genau für die Liturgie des Fronleichnamsfestes gedichtet hat: „Adoro te, devote, latens Deitas“ / „Gottheit, tief verborgen, betend nah ich dir“. Und dann die letzte, die siebte Strophe (im Gotteslob Nr. 497): „Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht…“ Wunderbarer hätte man es nicht ins Bild rücken können.

Und schließlich noch ein dritter, sehr persönlicher Grund, warum ich dieses Foto so liebe: Das Gerüst, das man da sieht, war aufgebaut für die Arbeit am Fresko mit Papst Leo I. und König Attila. Und genau auf diesem Gerüst konnte ich selber durch Vermittlung des verantwortlichen Chefs für die Gemälde des Vatikan, Prof. Arnold Nesselrath, in der für die Öffentlichkeit geschlossenen Stanza di Eliodoro eine halbe Stunde ganz allein unwahrscheinlich nah den Malspuren Raffaels nachgehen. So etwas vergisst man nicht!

Es war heute ein langer Weg von Juliane von Lüttich über Bolsena und Rom bis in unsere Straßberger Franziskuskapelle. Morgen wird´s kürzer.

Gott segne Sie, und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

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