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Corona trotzen II, 162

Corona trotzen II, 162 / Samstag, 24. April 2021.

Sehr verehrte Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Antonio Gramsci war am Dienstag mit einem sehr persönlichen Wunsch zu Wort gekommen. Dass er in den frühen Zwanziger Jahren einer der damals idealistischen, aber zugleich klassischen Kommunisten war, zeigt schon seine Erfahrung in Wien, wo er mit der dortigen sozialdemokratisch geprägten Politik und der Stadt insgesamt nichts anzufangen wusste, ganz im Gegensatz zu Moskau. So schrieb er an seine Frau Julia Schucht:

„Die Straßen sind verschneit und die Landschaft besteht nur aus weißen Hügeln. … Wien ist viel trostloser und deprimierender als Moskau. Hier sieht man keine Schlitten, die fröhlich klingelnd durch die weißen Straßen fahren, nur die Straßenbahn rasselt vorbei. Das Leben geht seinen tristen und monotonen Gang.“ Da blieb nichts anderes übrig als: „Ich bin immer zu Hause allein, lese und schreibe. Ich friere oft; nachts schlafe ich wenig.“

Deshalb heute vier eher politische Zitate zum Abgleich mit Ihren/Euren eigenen Schwerpunkten. Das erste aus der Wochenzeitschrift „Grido del Popolo“ („Schrei des Volkes“) vom 29. Januar 1916:

Kultur ist Disziplinierung des eigenen inneren Ichs, Inbesitznahme der eigenen Persönlichkeit und die Erlangung eines höheren Bewusstseins, mit dem man dazu kommt, den eigenen historischen Wert zu verstehen, die eigene Funktion im Leben, die eigenen Rechte und Pflichten.“

Das Ideal, das er in den Gefängnisheften 28, § 11, Nr. 2232 formuliert, kann für einen selber wirklich vorbildhaft sein, wird aber wohl äußerst gefährlich, wenn man Menschen „schaffen“ will:

„Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“

Wie es nach Corona in unserer Gesellschaft und in der Kirche weitergehen, bzw. neu anfangen wird, dazu passt vielleicht ein Zitat aus den Gefängnisheften 3, §34, 354f:

„Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Zwischenzustand kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen.“ (auch mal das Original: „La crisi consiste a punto nel fatto che il vecchio muore e il nuovo non può nascere: in questo interregno si verificano i fenomeni morbosi più svariati.“

Als junger Student in Turin mit 26 Jahren fasst er sein Selbstverständnis so zusammen:

„Ich hasse die Gleichgültigen. (…) Ich glaube, dass leben bedeutet, Partei zu ergreifen. Gleichgültigkeit ist ein mächtiger Faktor in der Geschichte, Gleichgültigkeit ist Apathie, ist Parasitismus, ist Feigheit, ist das Gegenteil von Leben. Ich lebe, ich bin parteiisch. Deshalb hasse ich den, der nicht eingreift, ich hasse die Gleichgültigen.“

 

Gott segne Sie. Und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

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