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Corona trotzen II, 168

Corona trotzen II, 168 / Freitag, 30. April 2021.

Sehr verehrte Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Was kommt nach dem heutigen Abend? Die Tradition sagt: die Walburgisnacht. Also die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, in der die höllischen Mächte unterwegs sind. Das hat mich an einen Artikel von Hans Conrad Zander erinnert, des schweizerischen Ex-Dominikaners, Stern-Journalisten und Sachbuchautors, dessen scharf-klare Texte ich sehr schätze.

In seinem Buch „Seneca im Gasometer. Höchst sonntägliche Exerzitien“ von 2012 geht er von der „Göttlicher Komödie“ des Florentiner Dichters Dante Alighieri aus.

Am 14. September dieses Jahres wird übrigens der 700. Geburtstag Dantes mit viel Aufwand festlich begangen werden. Ist doch dieser Weg hinab ins Inferno, die Hölle, und dann über das Purgatorio, das Fegfeuer, bis hinauf ins Paradiso, den Himmel, eines der wirkmächtigsten Bücher der gesamten Literaturgeschichte.

Und Zander schreibt:

Noch bevor er abstieg zu den Verdammten, hat Dante etwas erlebt, was an Beklemmung die Hölle selber bei weitem übertrifft. Ganz oben war das, noch am Höllentor. „In sternenloser Nacht“ sah dort der Dichter Menschen ohne Zahl jammervoll im Kreise treiben „wie Sand gejagt in einem Wirbelsturme“. Mit wilden Schmerzenslauten, bald gellend, bald heiser, betteln sie verzweifelt um Einlass. Doch der Teufel lässt sie in die Hölle nicht hinein.

Dies seien Seelen, fährt Dante fort, „die nie gelebt haben“. Jetzt hätten diese Unglückseligsten von allen nicht einmal mehr Hoffnung auf Einlass in die Hölle. Was aber sind das, „Menschen, die nie gelebt haben“? Das sind die „lauen Seelen“. Menschen, die nie für etwas gekämpft haben, die sich nie für etwas eingesetzt haben, die weder für das Gute gekämpft, noch für das Böse rebelliert haben. In allem immerzu darauf bedacht, unparteiisch zu bleiben, haben sie nie in ihrem Leben eine Entscheidung gefällt. Jetzt, im Jenseits, irren die „lauen Seelen“ ewig heimatlos umher. „Der Himmel“, sagt Dante, „will sich nicht mit ihnen schänden.“ Doch auch dem Teufel graust´s vor solchen Menschen so, dass er vor ihnen das Höllentor verschließt. Wohl steht über diesem Tot als letzte Warnung geschrieben: „Hier ist der Eingang zum verlorenen Volke“. Und doch kreisen die lauen Seelen ruhelos um eben dieses Tor, ewig getrieben von dem ewig unerfüllbaren Wunsch: endlich doch Partei zu sein, endlich doch zu jemandem zu gehören, und sei es zu den Verlorenen in der Hölle.

So stellt es Dante dar im dritten Gesang des Inferno. Warum mir das einfällt? Weil ich gerade lese, dass 85 % unserer Zeitgenossen nicht die geringste Angst haben, jemals in die Hölle zu kommen. Diese Sorglosigkeit ist zweifellos berechtigt. Dennoch ist sie trügerisch. So wie die meisten von uns leben, laufen wir im Gegenteil Gefahr, dereinst „wie Sand vom Wirbelsturm getrieben“ in alle Ewigkeit zu kreisen vor verschlossenem Höllentor.

Gott segne Sie. Und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

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