Corona Newsletter

Corona trotzen II, 172

Corona trotzen II, 172 / Dienstag, 4. Mai 2021.

Sehr verehrte Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Vor genau einem Jahr ging der letzte Newsletter „Corona trotzen 42“ hinaus. Dass es dann der letzte nur der ersten Serie werden würde, und ab 1. November 2020 „Corona trotzen II“ losging, damit hat im Frühjahr 2020 wohl niemand gerechnet. Weil der 4. Mai der liturgische Gedenktag des heiligen Florian ist, den ich sehr verehre, hatte ich ihn vergangenes Jahr gerne als krönenden Abschluss ins Spiel gebracht. Auch heute will ich an ihm nicht vorbeikommen. Allerdings lade ich Sie und Euch ein, diesmal auf Kirche und Stift zu schauen, die – als Begräbnis- und Gedenkort in der Nähe von Linz – seinen Namen tragen.

Dazu bringe ich ein paar Zitate des Triester Schriftstellers Claudio Magris, der treuen Leserinnen und Lesern des Newsletters inzwischen wohl bekannt ist. 1986 erschien dessen Buch, das ein Welterfolg wurde: „Donau. Biographie eines Flusses“.

Magris kommt auf seiner Donau-Erkundungstour nach St. Florian allerdings nicht von Linz her, sondern von Mauthausen, jenem KZ mit der entsetzlichen „Todesstiege“ des Steinbruchs und den Krematorien, wo innerhalb kurzer Zeit mehr als 100.000 Menschen ermordet wurden. Und dann steht er vor dem barocken, mächtigen Stift und geht durch die Räume. Er tut sich schwer damit.

„In Sankt Florian triumphiert ad majorem gloriam Gottes und der Habsburger spätbarocke Herrlichkeit: kaiserliche Treppen, Fluchten von Korridoren, Gobelins, das Zimmer Prinz Eugens mit dem Bett, verziert mit Figuren von Türken und aufständischen Ungarn, die in der unterwürfigen Pose der Besiegten dargestellt sind.“ (S. 169)

Was Magris dann wirklich packt, sind zwei Momente. Zum einen die Erinnerung an Anton Bruckner. Allerdings nicht vor dem mächtigen Sarkophag genau unterhalb der „Bruckner-Orgel“ in der Krypta:

Sondern im spartanisch ausgestatteten Bruckner-Zimmer: ein kleiner Arbeitstisch und das Klavier, die einzigen Hilfsmittel bei der Entstehung fast aller Kompositionen, zwei Sessel und ein Messingbett, ein Kleiderschrank, ein Aufsatzkasten, ein behäbiger Lehnsessel und ein Madonnenbild an der Wand:

„Bruckner, der eine seiner Symphonien ´dem lieben Gott´ widmete, verkörpert diese Art von Sammlung und Innerlichkeit, die in der Religion wie in den heimatlichen Gefilden lebt und die Dissonanz der Moderne dank ihres reinen, schmerzvollen Harmonieempfindens begreift… Die großen Einfältigen und Unschuldigen wie Stifter oder Bruckner, die sich als bei weitem bessere Kenner des Bösen erweisen, als sie selbst glauben, sind dann Dichter, wenn sie sich sanft und unnachgiebig mit der Dunkelheit und der Negativität auseinandersetzen.“ (S. 169f., 172f.)

Und der zweite Moment der Erschütterung komm, als Magris in der Bildergalerie des Augustiner-Chorherrenstifts vor dem Sebastiansaltar Albrecht Altdorfers steht, der die Passion Christi und das Martyrium des heiligen Sebastian ins Bild fasst:

„Unter dramatisch aufgewühlten und entflammten Himmeln wird eine bestialische, dumpfe Gewalttätigkeit entfesselt, die gegen die beiden Verurteilten wütet; düstere, schwachsinnige Gesichter heben sich ab, die die ganze Stumpfsinnigkeit des Bösen erkennen lassen… Altdorfer lässt Mauthausen begreiflich werden, seine wilden Farben schreien auch gegen den Wahnsinn der Konzentrationslager an… Unter den geschliffenen Kuppeln dieser Klöster ist kein Platz für den unsinnigen Schmerz, für die Asymmetrien, für die barbarischen Passionen und Kreuzigungen, die Menschen tagtäglich erleiden. Nicht die Baldachine der triumphierenden Kirche, sondern die blutigen, tragischen Himmel Altdorfers lassen der Apokalypse, die sich kontinuierlich wiederholt, lassen den lebenden Skeletten von Mauthausen Gerechtigkeit widerfahren.“ (S. 173f.)

Gott segne Sie. Und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

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