Corona Newsletter

Corona trotzen II, 189

Corona trotzen II, 189 / Freitag, 21. Mai 2021.

Sehr verehrte Straßbergerinnen und Straßberger, liebe Freundinnen und Freunde!

Eugen Gomringer, der 1925 in Bolivien geborene Schweizer Lyriker, nennt seine Art zu schreiben „konkrete Poesie“. Mit wenigen Wörtern, die immer neu verbunden werden, lädt er ein, eigene Erfahrungen mit diesen Begriffen bei sich wachrufen zu lassen. So hatte er zum Beispiel bereits 1954 das Gedicht „ciudad (avenidas)“ geschrieben:

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Auf Deutsch:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Vielleicht erinnern sich einige noch an die deutschlandweite öffentliche Aufregung: 2011 hatte die Alice-Salomon-Hochschule Berlin an Eugen Gomringer einen Preis verliehen und deshalb dieses Gedicht an eine Außenwand ihrer Gebäude anbringen lassen. 2017 protestierte dann die Studierendenvertretung der Hochschule und verlangte die Entfernung des Textes mit folgender Begründung: „Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind.“

Lassen wir diese Diskussion und die damit verbundene Aufregung auf sich beruhen und widmen uns einen Mai-Gedicht Eugen Gomringers. Meine erste Bitte: Lesen Sie, lest Ihr einmal laut und in aller Ruhe das Gedicht:

Eugen Gomringer, der frühling wird kommen

der frühling wird kommen
der frühling kommt
der frühling kam
der frühling war gekommen

der sommer wird bleiben
der sommer bleibt
der sommer blieb
der sommer war geblieben

der herbst wird gehen
der herbst geht
der herbst ging
der herbst war gegangen

der winter wird beginnen
der winter beginnt
der winter begann
der winter hatte begonnen

der frühling wird kommen
der sommer wird bleiben
der herbst wird gehen
der winter wird beginnen

der frühling kommt
der sommer bleibt
der herbst geht
der winter beginnt

der frühling kam
der sommer blieb
der herbst ging
der winter begann

der frühling war gekommen
der sommer war geblieben
der herbst war gegangen
der winter hatte begonnen

 

Und jetzt meine zweite Bitte: ersetzen Sie, ersetzt Ihr doch einfach mal die vier Jahreszeiten durch folgende vier Wörter:

frühling         =          corona
sommer        =          freiheit
herbst           =          pandemie
winter           =          Urlaub.

Und jetzt das Gedicht nochmals laut lesen, aber diesmal mit den veränderten Wörtern. Und wenn das vorbei ist, könnte man sich die Frage stellen: Ist mir etwas aufgefallen zu unserem Dauerthema der vergangenen Monate?

 

Gott segne Sie. Und bis morgen,
Ihr
Florian Schuller

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

code